Leipziger Erklärung zur europäischen Herausforderung Jugendarbeitslosigkeit

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Zielstellung


Jugendarbeitslosigkeit ist ein Skandalon - in Deutschland wie auch in ganz Europa. Dieses Thema gehört weiterhin auf die Agenda der Akteure aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Trotz guter Nachrichten aus der Wirtschaft löst sich dieses Problem nicht von allein. Dabei ist jeder aufgefordert, seinen Beitrag zur Überwindung der Herausforderung zu leisten.

Wir, die Unterzeichner, fühlen uns aufgerufen, Entscheidungsträger europaweit mit der Veröffentlichung dieser Erklärung für die Thematik Jugendarbeitslosigkeit stärker zu sensibilisieren. Der Tönissteiner Kreis will dabei nicht nur auf dieses massive Problem hinweisen, sondern sein Expertennetzwerk in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik für Erfolg versprechende Maßnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit aktivieren und übergreifende Lösungen kommunizieren.

Problemlage


Jugendarbeitslosigkeit ist Teil der gegenwärtigen, allgemein herrschenden hohen Beschäftigungslosigkeit. Diese ist heute im Kern konjunkturresistent. Auch wenn durch Innovationen neue Beschäftigungszweige laufend entstehen, ist zwingende Folge technologischen Fortschritts, dass menschliche Arbeitskraft, insbesondere bei geringer qualifizierten Tätigkeiten systematisch ersetzt wird. Kein Arbeitsbereich bleibt verschont: Industrie, Dienstleistungssektor und öffentliche Verwaltung werden mit der Einführung jeder neuen Technologie wieder ein Stück produktiver. Die Globalisierung verschärft den Rationalisierungsdruck in europäischen Unternehmen. Die schulische Ausbildung der jungen Generation bereitet nicht überall und immer ausreichend auf erfolgversprechende berufliche Karrieren bzw. auf die am Arbeitsmarkt erforderliche Flexibilität des einzelnen vor. Dabei können sich Europas Gesellschaften den Ausfall großer Teile der nachwachsenden Generationen am Arbeitsmarkt angesichts der demographischen Entwicklung überhaupt nicht leisten. Neben den negativen Folgen für die Wirtschaft generiert Jugendarbeitslosigkeit auch zunehmend soziale und politische Probleme mit langfristig destabilisierenden Tendenzen für die Zivilgesellschaften und ihre demokratischen Systeme. Soziale Verwahrlosung, Jugendkriminalität, politische Radikalisierung sind Konsequenzen, von denen - in unterschiedlichem Ausmaß - insbesondere Frankreich, Italien, England, Deutschland, Polen, aber auch die kleineren EU-Mitgliedsstaaten betroffen sind

Forderungen


Der Tönissteiner Kreis hat 2006/07 in Rostock, Frankfurt (Oder) und Leipzig mit Experten und Nachwuchsführungskräften anhand konkreter regionaler Beispiele die europäische Dimension hervorgehoben und nachstehenden Forderungskatalog aufgestellt:

  • Die Qualität der Schulbildung weiter verbessern!
    Eigeninitiative, Lernwilligkeit und elementare Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen) müssen von Beginn an gefördert werden. Im Gegensatz zu reiner Wissensvermittlung müssen individuelle Potentiale gefördert und die Interessenorientierung ausgebaut werden. Dabei sind die dezentrale Konzeption und der Wettbewerb (Pisa!) der Bildungssysteme in Europa zu stärken. Lokale und regionale Lösungen sind aber besser als bisher zu vernetzen.
  • Orientierung auf die Arbeitswelt bereits in der Schule!
    Berufsorientierung soll von Beginn an eine zentrale Rolle spielen. Durch Förderung der persönlichen, sozialen und fachlichen Kompetenzen kann eine gezielte Vorbereitung auf den Wechsel zwischen Schule, Ausbildung und Beruf erreicht werden. Dazu helfen vor allem Praxisprojekte zwischen Schule und Unternehmen (auch grenzüberschreitend!).
  • Jugendliche ohne Schulabschluss und/oder ohne Ausbildung gezielt fordern und fördern!
    Das Abnehmen der Orientierung an Arbeit soll gestoppt werden. Besonders in Milieus, in denen rein materielle Grundsicherung immer mehr in den Vordergrund, Freude an Leistung und die Suche nach Arbeit demgegenüber in den Hintergrund treten, müssen positive Leitbilder glaubhaft vermittelt und einem negativen Gruppendruck entgegen gewirkt werden. Als Vorstufe und Voraussetzung beruflicher Qualifikation sind hier Maßnahmen sinnstiftender Einbindung in die Zivilgesellschaft zu fördern.
  • Der Ansiedlung innovativer Unternehmen Vorrang geben!
    Unterstützung sollen solche Maßnahmen erfahren, die nachhaltig in die Zukunft wirken, weil sie die Qualifikation der kommenden Generationen für den Arbeitsmarkt fördern. Frühzeitig muss in Schulen und Kindergärten das Interesse und das Verständnis für die Entwicklung technischer Innovationen unterstützt werden. Innovative Unternehmen bringen auch neue Ausbildungsberufe hervor.
  • Vorrang der betrieblichen vor außerbetrieblicher Ausbildung!
    Ziel jeglicher Ausbildung muss der Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt sein. Daran muss sich auch die außerbetriebliche Ausbildung messen lassen.
  • Nachhaltige Lösungsansätze (best practices) EU-weit stärker vernetzen!
    Erfolgreiche Projekte sind oft lokal oder regional begrenzt. Durch gezielte grenzüberschreitende Information und Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sollen erfolgreiche Konzepte und Maßnahmen weiter verbreitet werden.

Deshalb will der Tönissteiner Kreis den Informationstransfer über best-practices bei der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und ihrer Folgen unterstützen.

Leipzig, 11. Mai 2007

Unterzeichner


Mitglieder des Tönissteiner Kreises:
Dr. Klaus Wagner      Dr. Felix Böllmann      Thomas Kühnelt      Thoralf Schwanitz

Als Anhang zur Leipziger Erklärung vom 11.05.2007 hat der Tönissteiner Kreis eine erste, nicht abschließende Sammlung von best-practices zusammengestellt. Diese Sammlung bedarf der ständigen Ergänzung und Pflege. Eine erste robuste Maßnahme hierzu ist der Aufbau eines Netzwerks unter den bereits an dieser Initiative beteiligten Institutionen (Unternehmen, Hochschulen etc.). Dazu wird der Tönissteiner Kreis voraussichtlich im Herbst 2007 in Berlin eine Veranstaltung mit der Vertretern der EU, seinen Trägerverbänden, Vertretern der Wissenschaft, Unternehmen und seinen Partnerorganisationen durchführen.